Von Peking bis Shanghai: Wenn Megacitys nach Berlin schauen 

Von Jenny Huang – 25. September 2025
Das CityLAB empfängt zusammen mit der Senatskanzlei Berlin die Delegation aus der Stadtverwaltung Peking

Wenn in Peking, einer Stadt mit rund 22 Millionen Einwohner:innen, jährlich 3,45 Milliarden Fahrten mit U-Bahn und Bus durchgeführt werden, 29 Linien das unterirdische Netz durchkreuzen und auf den Straßen acht Millionen Autos rollen, wirkt Berlin fast beschaulich: eine Stadt mit knapp vier Millionen Einwohner:innenzehn U-Bahn-Linien und gut 1,2 Millionen Pkw

Und doch zog es gleich zwei Delegationen aus den Stadtverwaltungen von Peking und Shanghai ins CityLAB Berlin – nicht, um über Gigantismus zu sprechen, sondern über etwas, das beide Städte gleichermaßen beschäftigt: Wie lassen sich technische Innovationen in Smart City und Verwaltungsmodernisierung erfolgreich mit Bürgerbeteiligung verbinden?

Bürgerbeteiligung – von Anfang an mitgedacht

In der Berliner Smart-City- und Digitalstrategie „Gemeinsam Digital: Berlin“ (GD:B) spielt die Bürgerbeteiligung eine zentrale Rolle. Die Idee ist klar: Die Digitalisierung der Stadt soll sich an den Bedürfnissen der Bewohner:innen orientieren – nicht umgekehrt. Eine Strategie ist nur dann erfolgreich, wenn sie gemeinsam mit den Menschen umgesetzt wird, die in der Stadt leben. Die GD:B-Strategie wurde deshalb in einem breit angelegten Prozess zusammen mit fünf unterschiedlichen Zielgruppen entwickelt, darunter auch solche, die in klassischen Beteiligungsformaten oft wenig Gehör finden.

Auch in Peking wird Bürgerbeteiligung als essenzielles Element einer Smart-City-Strategie verstanden. Natürlich steht die Stadt vor urbanen Herausforderungen in deutlich größerem Maßstab, doch auch hier gilt: Innovationen sollen den Menschen dienen, sei es in den Bereichen Mobilität, Gesundheit oder Verwaltung. Bürgerbüros in den Stadtvierteln (vergleichbar mit dem Quartiersmanagement in Berlin) kümmern sich um die Bedürfnisse der Menschen vor Ort. Praktische Beispiele zeigen, wie smarte Technologien dort direkt in den Alltag integriert werden: Smart Watches für ältere Menschen lösen Alarm aus, wenn über längere Zeit keine Bewegung registriert wird. Smarte Aufzüge erkennen gefährliche Batterien in E-Bikes, bevor diese Brände in Wohnhäusern verursachen können. Bei den Bürger:innen stoßen diese Angebote auf hohe Akzeptanz, da sie ihren Alltag spürbar erleichtern.

Potenziale und Herausforderungen von digitalen Services

Auch Berlin erprobt neue Wege, digitale Services bürgernah zu gestalten. Rund 400 Online-Dienstleistungenstehen inzwischen bereit – von der Kfz-Anmeldung bis zur Wohnsitzanmeldung. Doch die Nutzung ist ungleich verteilt: Während etwa 80 % der Autoanmeldungen inzwischen digital erfolgen, werden nur 10 % der Wohnanmeldungen online abgewickelt. 

Hier versucht auch die GD:B-Strategie über Projekte wie das „DigitalZebra“ positiv zu wirken. Im „DigitalZebra“ erhalten Bürger:innen – insbesondere auch ältere Menschen – in öffentlichen Bibliotheken Unterstützung beim Zugang zu digitalen Angeboten jeder Art, neben Bürgerdiensten auch z.B. der Kauf von Online-Tickets oder das Versenden von Mails. Dabei zeigt sich: Smart City muss nicht zwingend digital sein. Analoge Maßnahmen, die wie hier die digitale Teilhabe in den Fokus stellen, ermöglichen auch Begegnungen und beugen damit zugleich Einsamkeit vor. 

Das Projekt „Kiezkassen“ ist ein anderes Beispiel dafür, wie digitale Tools Bürger:innenbeteiligung unterstützen. Durch das Projekt soll das Interesse und die aktive Teilnahme von Bürger:innen aus verschiedenen Herkunfts-, Alters- und Sozialstrukturen an Beteiligungsformaten gestärkt werden. Dafür bedarf es einer Verbesserung des Zusammenspiels von digitalen und analogen Partizipations- und Interaktionsmethoden, die am Anwendungsfall „Kiezkassen“ erprobt werden. So können Anwohner:innen auf einer prototypische Plattform – der sogenannten Kiezkassen-Applikation, unkompliziert Gelder für lokale Projekte wie Parkbänke oder Straßenfeste beantragen. Gleichzeitig profitiert die Verwaltung, weil Anträge effizienter bearbeitet werden können.

Und schließlich geht es auch um die großen Zukunftsfragen: Mit dem Projekt „Smart Water“ testet Berlin, wie die Stadt klimaresilienter gestaltet werden kann. Ziel ist es, durch die vernetzte Planung von grüner und blauer Infrastruktur die Vision einer  „Schwammstadt“ zu unterstützen. Dazu gehört beispielsweise die Entsiegelung von Flächen, aber auch die aktive Nutzung von Regenwasser. Zudem sollen Bürgerinnen und Bürger Warnungen bei Starkregenereignisse erhalten können – ein Beispiel dafür, wie Digitalisierung direkt zur Lebensqualität beiträgt.

Besuch der Ausstellung im CityLAB Berlin 

Vom Umgang mit Datensilos bis hin zu Bürokratie 

Die Frage nach der Verfügbarkeit von offenen Daten, deren Integration und Transparenz stellt sich nicht nur in Berlin, sondern auch in Megastädten wie Shanghai. Dort wirkt der digitale Alltag auf den ersten Blick wie ein Blick in die Zukunft: Mit einer einzigen App lassen sich Arzttermine buchen, Rentenbeiträge einsehen, Strafzettel bezahlen, Stromrechnungen überweisen oder U-Bahn-Tickets kaufen. 

Doch so nahtlos es für die Bürger:innen aussieht, bleibt es hinter den Kulissen kompliziert. Noch vor zehn Jahren betrieb jede Verwaltungsabteilung eigene Datenzentren, jeder Bezirk sein eigenes System. Inzwischen sind diese zwar zentralisiert, aber die großen Fragen sind geblieben: Wie lassen sich Daten aus zig Abteilungen verlässlich auf einen gemeinsamen Server bringen und zentral verwalten? Welche Daten können öffentlich geteilt werden? Und wie schützt man sensible Daten, ohne Innovationen auszubremsen? 

All diese Fragen führen nicht selten zu langwierigen Genehmigungsprozessen – ein Szenario, das uns in Berlin nur allzu vertraut vorkommt. Auch hier ist der Zugang zu offenen Verwaltungsdaten oft steinig. Ein pragmatischer Ansatz zeigt sich beim Projekt ODIS: Die Open-Data-Informationsstelle Berlin unterstützt Verwaltungen dabei, Daten verständlich und nutzbar bereitzustellen, begleitet Mitarbeitende bei der praktischen Veröffentlichung und entwickelt digitale Anwendungen mit Open Data, um den Mehrwert von offenen Daten für Verwaltung, Stadtplanung und Bürger:innen sichtbar zu machen. 

Feierliche Übergabe der Gastgeschenke 

Fazit – Lernen über Grenzen hinweg 

Für uns im CityLAB bot der Austausch mit Peking und Shanghai nicht nur eine spannende Gelegenheit, Einblicke in andere städtische Strukturen und Lösungen zu gewinnen, sondern auch eine wertvolle Bestätigung: Städte können trotz unterschiedlicher Größe und Ausgangsbedingungen viel voneinander lernen. Umso mehr freut es uns, dass das CityLAB als ein Ort des internationalen Austausches wahrgenommen wird, ob zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft oder zwischen Städten weltweit. Am Ende zeigt sich, dass es weniger um die Unterschiede geht, sondern um ein gemeinsames Ziel: lebenswerte, smarte Städte für die Menschen zu gestalten. 

Ein besonderer Dank gilt dabei der Senatskanzlei Berlin und den Kolleginnen aus der Technologiestiftung Berlin, die uns in enger Zusammenarbeit bei der Vorbereitung und Umsetzung der Delegationsbesuche unterstützt haben.

Die Delegation aus der Stadtverwaltung Shanghai zu Besuch im CityLAB