In dieser Kolumne gewähren wir einmal im Monat Einblicke in den Arbeitsalltag unseres Teams „Smart City und Verwaltungsinnovation. Das Team aus Projektmanager:innen, Service Designer:innen, UX/UI Designer:innen und Smart City Designer:innen bringt vielfältige Perspektiven in die Zusammenarbeit mit der Verwaltung, um Berlin gemeinsam voranzubringen. Mit einer Balance aus langfristigen Strategien und agilen Lösungen teilen sie ihre Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem CityLAB.

Im CityLAB arbeiten wir an verschiedenen Stellen an KI-Chatbots, die die Verwaltung dabei unterstützen, ihre Aufgaben effizient zu bewältigen. Mit BärGPT, dem KI-Assistenten für die Berliner Landesverwaltung, haben wir ein Tool geschaffen, das datenschutzkonform und bedarfsorientiert das Potenzial von KI für den Verwaltungskontext nutzbar macht. Durch unsere tägliche Arbeit kennen wir die Zielgruppe der Verwaltungsmitarbeitenden gut und wissen, dass die Inhalte und die Korrektheit der generierten Antworten wichtiger sind als die Form, in der sie ausgespielt werden. Natürlich agiert BärGPT stets sachlich und höflich und kann sogar je nach eigener Präferenz zwischen „Du“ und „Sie“ in der Antwortgenerierung switchen.
In unserem Projekt KI-Ausbildungsassistent entwickeln wir gemeinsam mit Jugendlichen einen Chatbot, der sie dabei unterstützen soll, die richtige Ausbildung zu finden. Die Zielgruppe sind junge Erwachsene, denen es häufig an Richtung fehlt und die wenig Netzwerk oder Umfeld haben, das ihnen bei der Suche auf die Sprünge helfen kann. Bei diversen Workshop- und Austauschformaten, die wir mit den Jugendlichen durchgeführt haben, haben wir gelernt, dass Sprache, Ausdruck, Tonalität und die Frage nach dem „wie spricht die KI mit mir“ ein viel größeres Kriterium dafür ist, wie gut der Chatbot angenommen wird.
„Own Voice“: Tonalität und Ausdruck eines KI-Assistenten
Der Chatbot soll nicht buddyhaft in Jugendslang sprechen, sondern durchaus seriös und klar sein. Jugendliche wollen ernstgenommen werden und nicht das Gefühl haben, dass das Gegenüber ein Klassenclown ist, sondern im richtigen Maße ernsthaft kommuniziert, vor allem, wenn es um die Jobsuche geht. Auch bei jungen Erwachsenen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, besteht nicht zwingend der Wunsch danach, dass die Inhalte in andere Sprachen übersetzt werden – „lieber auf Deutsch, aber so, dass ich es verstehe“.
Unser Ziel ist es, Jugendliche zu ermächtigen, einen passenden Weg in die Ausbildung und in den Beruf zu finden, ihnen eine Stimme zu geben. Dafür müssen wir auch der KI eine Stimme geben.
Der Begriff Own Voice hat mehrere Bedeutungen: einerseits geht es im BookTok-Universum (Tiktok-Videos, bei denen Content-Creator:innen Bücher aus dem „youngadult“-Genre bewerten) häufig um Geschichten, die von marginalisierten Personen für marginalisierte Personen geschrieben sind, in denen Lebensrealitäten abseits der Norm und des Mainstreams thematisiert werden. Andererseits beschreibt der Ausdruck Own Voice die Funktion, der auditiven Sprachausgabe mit der wortwörtlich eigenen Stimme, wenn sie vorher damit trainiert wurde.
Unser Ansatz bewegt sich zwischen diesen beiden Bedeutungen: Für uns geht es in erster Linie nicht um die tatsächliche Stimmfarbe bei der Sprachausgabe, sondern darum, dass der Ausbildungsassistent in seinem Ausdruck und seiner Sprache auf eine Art und Weise antwortet, bei der sich die Jugendlichen wiederfinden, gesehen und ernstgenommen fühlen.
Das kann bedeuten, dass die KI in ihrer Tonalität
- Die Lebensumstände der Jugendlichen versteht und einbezieht
- Freundlich und motivierend ist, aber nicht zu „kumpelig“, sondern seriös bleibt
- Einfache deutsche Erklärungen liefert, statt alle Antworten in andere Sprachen zu übersetzen
Letztendlich geht es darum, dass der Chatbot in verständlicher deutscher Sprache spricht, dabei ernsthaft und wohlwollend bleibt und eine gute Balance findet zwischen „überschwänglich loben“ und Wunschberufe „ausschließen“.
Was ihr wollt!
Die ominöse KI ist eine neue Akteurin in unserem modernen Leben, eine unmenschliche-menschliche Anspielpartnerin auf der Bühne, die sich Gesellschaft nennt und die mit der vermeintlichen Summe unserer kollektiven Stimmen zu uns spricht. In den Anforderungsworkshops fanden wir heraus, dass Jugendliche, die KI seit der ersten Stunde nutzen, nur wenig Berührungsängste haben. Das macht junge Menschen nicht automatisch KI-literate und bedeutet keineswegs, dass der Umgang achtsam und geschult von statten geht, aber immerhin ist KI nicht mehr aus ihrem Alltag wegzudenken und bevor wir das verteufeln, versuchen wir mit unserer Anwendung einen verantwortungsvollen Umgang möglich zu machen.
In Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“ geht es unter anderem um Identität, um Charaktere, die ausgeben andere zu sein, dabei Rollen spielen und sich in „love triangles“ verheddern. Es geht um Schein und Sein und der Gratwanderung zwischen Illusion und Echtheit in einer komplexen und vielschichtigen Welt. Genauso “spielt” ein KI-Assistent eine Rolle wie ein Computer im Schafspelz: eine blinkende Leiterplatine, die sich als Mensch verkleidet und der wir Identität und Charakter geben, indem wir ihr Situations-Happen und Kontextschnipsel vorgeben, nach denen sie dann fröhlich anfängt zu agieren. Wie beim Improvisations-Theater (Klatsch): „Stell dir vor du bist mein persönlicher Assistent und du sollst mir helfen die perfekte Ausbildung zu finden.“ Diese Rampe ist gebaut, alle anderen Inhalte, wie Rollen, Drehbücher, Requisiten und Kostüme, kreieren die Jugendlichen auf ihren eigenen „Bühnen“ bzw. Chaträumen in der App, indem sie dem Assistenten mehr über sich erzählen:
ich wohn in neukölln
lieblingsdrink durstlöscher granatapfel-zitrone
Hab schon mal praktiktum bei rewe gemacht
leute da waren übelst cringe
meine katze ist mein baby
zu hause passe ich auf die kleinen brüder auf
lowkey nervig
Schule ist nicht so meins, sport und musik ist ok
Was Jugendliche wollen, ist ein Raum, indem sie nicht das Gefühl haben, geshamed zu werden, der wert- und vorurteilsfrei ist, in dem sie sie selbst sein dürfen, Fragen stellen können und schnelle, präzise Antworten bekommen. Sie wollen sich gesehen und verstanden fühlen.
Was wir wollen, ist eine sinnvolle Hilfe an die Hand zu geben, die mit den Bedürfnissen der Jugendlichen matcht, bei der Reflexion über eigene Fähigkeiten unterstützt und passende Ausbildungsberufe ermitteln kann und ihnen niederschwellig Tipps für den Bewerbungsprozess gibt. Gleichzeitig soll sie den verantwortungsvollen Umgang mit KI-Tools schulen, indem sie auch ihre eigenen Limitierungen sichtbar macht. Das Ziel ist jungen Menschen mit Hilfe der trainierten KI beim Einstieg in die Berufswelt zu helfen und nicht eine persönliche Berufsberatung zu ersetzen.
KI braucht Rizz (*Kurzform für Charisma)
Die Aura der KI ist für unser Projekt viel maßgeblicher als wir dachten. Der richtige Ton ist für jede Zielgruppe und für jeden Kontext verschieden und genau darin liegt die Stärke eines künstlichen Systems: Sie kann eine Rolle annehmen, in einer vorher festgelegten, „vortrainierten“ Szene reagieren und damit die richtigen Worte und die passende Ansprache für unterschiedliche Menschen finden. Wir haben gelernt, dass für unseren Assistenten die Art der Kommunikation mindestens so wichtig ist, wie der Inhalt selbst, um einen echten Zugang zu der jungen Zielgruppe zu finden und sie wirklich bei der Ausbildungssuche unterstützt! Wenn sie dann auch noch aufhört, so bodenlos zu halluzinieren, haben wir unser Ziel wirklich erreicht.
