Klirrende Kaffeetassen, umtriebiges Gewusel und ein schnell gefüllter Roter Saal: Bei der dritten Jahreskonferenz von Gemeinsam Digital: Berlin (GD:B) kam die Community erneut im Herzen Berlins zusammen, um sich über die Umsetzung der Smart City- und Digitalstrategie der Hauptstadt auszutauschen.

Konkret stand das Thema Verstetigung auf der Agenda. Denn wie bei den meisten innovativen Digitalprojekten stellt sich auch bei den GD:B-Maßnahmen die Frage, welche Strukturen es braucht, damit solche Smart-City-Vorhaben langfristig in der Stadt wirken können. Eine zentrale Angelegenheit, die im Rahmenprogramm direkt mit Entscheidungsträger:innen und Expert:innen diskutiert wurde. Mit dabei: der Regierende Bürgermeister von Berlin Kai Wegner und die Staatssekretärin für Digitalisierung und Verwaltungsmodernisierung & Chief Digital Officer Berlin (CDO) Martina Klement. Welche Perspektiven und Erkenntnisse bei der diesjährigen GD:B-Jahreskonferenz zusammenkamen, darüber berichten wir in diesem Rückblick.
Das Panel: vier Entscheidungsebenen und ein überraschender Konsens
Komplexen Fragen nähert man sich am besten über unterschiedliche Sichtweisen. Beim großen Panel der Veranstaltung saßen sich gleich vier Zentrale gegenüber: Adrian Gelep, Geschäftsführer der DigitalAgentur Brandenburg (Flächenland), CDO Martina Klement (Land/Stadtstaat), Oliver Igel, Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick (Kommune) und Michael Huch, Projektleiter der Koordinierungs- und Transferstelle Modellprojekte Smart Cities als Vertreter des Bundes.

Bei der Kernfrage, wie Pilotprojekte in dauerhafte Strukturen überführt werden können, wurde schnell deutlich: Die Verstetigung von Projekten ist in erster Linie nicht nur eine technische, sondern auch eine politische Herausforderung.
Das ist vor allem auf die föderalen Gegebenheiten in Deutschland zurückzuführen, aber nicht nur. Es sei auch eine Haltungsfrage gegenüber Innovationsprozessen im Allgemeinen. So sprach sich Adrian Gelep für mehr Langeweile anstatt immer neuer innovativer Ideen und damit für mehr Mut zur Nachnutzung bereits bestehender Lösungen aus.

Weitere Problemfelder sahen die einzelnen Panelist:innen in der oft zu kurz greifenden Förderlogik, die die Verstetigung von Projekten nicht mit einschließt, wodurch die nötige Unterstützung und Ressourcen fehlen. Ideen, die sich bereits in der Praxisphase als nützlich herausgestellt haben, verliefen so direkt wieder im Sand. Und durch die fehlende gemeinsame Infrastruktur und Finanzierungsmodelle bliebe die so wichtige Kooperation zwischen den einzelnen Ebenen aus.
Aber nicht nur die unterschiedlichen Probleme, sondern vor allem Lösungen wurden untersucht und hierfür fünf wichtige Hebel identifiziert:
- Gesetzliche Verankerung: Infrastruktur (z. B. Datenplattformen) muss gesetzlich geregelt, finanziert und nutzbar sein – nicht nur freiwillig.
- Mehrwert sichtbar machen: Digitalisierung verstetigt sich nur, wenn deren Nutzen klar kommuniziert und erlebbar ist.
- Zusammenarbeit & Skalierung: Verstetigung verlangt Kooperation zwischen Ebenen und eine „Franchise-Mentalität“: gleiche Tools, gleiche Prozesse, föderal anschlussfähig.
- Finanzierung & Geschäftsmodelle: Dauerhafte Verstetigung braucht stabile Finanzierungsmodelle – vom Digitalbudget bis zur Mischfinanzierung kommunaler Infrastruktur.
- Kulturwandel & Ehrlichkeit: Scheitern zulassen, alte Projekte beenden, die Nutzung von erfolgreichen Projekten verpflichtend machen – und Erfolge auch sichtbar feiern.

Zum Abschluss des Panels kristallisierte sich sogar ein überraschender Konsens heraus: Das Streben nach mehr zentraler Koordination und gemeinsamer Standards. So wünschte sich Oliver Igel verbindliche Fachverfahren, Martina Klement erklärt die Bereitschaft Berlins, Kompetenzen für bundesweit einheitliche Leistungen zu bündeln, Adrian Gelep setzt auf zentrale Standards und eine „Franchise-Mentalität“ und Michael Huch verwies auf gemeinsame Plattformen und Open-Source-Modelle. Der Wille zur Kooperation ist also da, vielleicht sogar mehr denn je, gerade beim Thema Verstetigung.
Wer langfristig wirken möchte, muss den Austausch verstetigen
Die Strategie „Gemeinsam Digital: Berlin“ lebt durch die einzelnen Maßnahmen – und deshalb standen diese und die einzelnen Teams dahinter wie gewohnt im Zentrum der Jahreskonferenz. Bei einer Kaffeepause wurde Raum für den so wichtigen Austausch untereinander gegeben und einzelne Projekte vorgestellt. Darunter auch die Kiezbox 2.0 der Technologiestiftung Berlin, ein Projekt, das so kurz nach dem Stromausfall in Treptow-Köpenick nochmal betonte, wie relevant viele Smart-City-Maßnahmen heute bereits sind.



Zudem gab es im Rahmen einer Fishbowl-Diskussion die Möglichkeit, miteinander über ähnliche Herausforderungen ins Gespräch zu kommen und aus dem Publikum direkt Feedback zu geben.

Im Austausch zwischen Dr. Stefan Heumann, Geschäftsführer von Agora Digitale Transformation; Melanie Thoma, Seniorennetz Berlin des AWO Landesverbandes Berlin als Teil der GD:B-Maßnahme „Berlin – Eine Smart-City für und von Seniorinnen und Senioren“, Lisa Junghans, GD:B-Maßnahme Smart Water des Kompetenzzentrum Wasser Berlin und Dr. Niklas Kossow vom CityLAB Berlin, wurde deutlich, dass es trotz der oft unsicheren und individuellen Finanzierungslage von Projekten einen zentralen Aspekt gibt, der sie bei GD:B zusammenhält: der gemeinsame Austausch.

So beiläufig es klingt, so groß kann die Wirkung sein – denn das projektübergreifende Teilen von Hürden und Fortschritten ist keine Selbstverständlichkeit, es ist ein wichtiger Baustein für die Verstetigung dieser Projekte. Herausforderungen früh zu antizipieren und sich über Lösungen auszutauschen, kann somit dazu beitragen, rechtzeitig über Verstetigungskonzepte und die langfristige Wirkung von Projekten nachzudenken.
“Wir wollen eine funktionierende Stadt.”
Diese Einigkeit in punkto Austausch und Kooperation zog sich auch durch die weiteren Beiträge des Tages. Berlins CDO Martina Klement betonte zudem, dass sich Verwaltungsdigitalisierung und der Aufbau einer Smart City für sie gegenseitig bedingen. Obwohl im Rahmen der Verwaltungsreform schon viel Positives angestoßen werden konnte, blieben die Nutzungszahlen von digitalen Bürgerdiensten hinter ihrem Potenzial zurück. Hier müsse man stärker für bereits bestehende digitale Angebote werben. Weiterhin sprach sie sich für besseres Datenmanagement in Verwaltungen aus.

„Für mich macht eine smarte Stadt aus, dass wir zum einen eine digitale Verwaltung haben, die dann Hand in Hand greift mit allen Aktivitäten, die wir in der Stadt haben. Wir bieten beispielsweise sehr viele Bürger:innendienste schon digital an, haben aber noch die Herausforderung, dass wir noch nicht genügend Nutzungszahlen haben. Deshalb freue ich mich, dass das Hand in Hand greift mit vielen Aktivitäten, die wir im Rahmen der Gemeinsam Digital: Berlin-Aktivitäten entfalten, allen voran die Themen Verwaltungsreform und die Berliner Bürgerämter.“
Martina Klement, Staatssekretärin für Digitalisierung und Verwaltungsmodernisierung & Chief Digital Officer Berlin
Der Regierende Bürgermeister von Berlin Kai Wegner sprach zunächst seinen Dank an alle Beteiligten im Raum aus und deren Einsatz für das digitale Berlin von morgen. Man sei schon einen großen Schritt vorangekommen bei der Digitalisierung von Verwaltungsprozessen, angesichts der anstehenden Pensionierungswelle müssten Potenziale Künstlicher Intelligenz und Automatisierung von Prozessen genutzt werden. Zudem sei es wichtig, auch an gesetzlichen Vorgaben wie etwa beim Datenschutz zu arbeiten.

“Zur Verstetigung gehört zum einen immer der politische Wille und zum anderen finanzielle Mittel und wir müssen gucken, wie wir diese Investitionen tätigen können, weil das sind Investitionen in die Zukunft.”
Kai Wegner, Der Regierende Bürgermeister von Berlin
Der Geschäftsführer von Agora Digitale Transformation Dr. Stefan Heumann rief in seinem Beitrag Berlin zu einem klaren Bekenntnis zu echter Wirkung durch Verstetigung auf sowie dazu, entsprechende Haushaltsmittel einzuplanen und die Übernahme guter Ideen direkt einzufordern.

“In einer Digitalstrategie muss von Anfang an berücksichtigt werden, dass Verstetigung kein Selbstläufer ist, sonders dass es Zeit und Ressourcen braucht, gute Ansätze zu entwickeln, damit aus einem Prototyp auch ein funktionierendes Produkt in der Fläche werden kann.“
Dr. Stefan Heumann, Geschäftsführer von Agora Digitale Transformation
Karen Laßmann, Gruppenleitung Smart City & Datenmanagement der Senatskanzlei Berlin und Mitorganisatorin der GDB-Jahreskonferenz, zeigte sich überzeugt, dass die Veranstaltung einmal mehr sichtbar mache, dass alle unterschiedlichen Aktivitäten am Ende dasselbe wollen: Eine funktionierende Stadt für die Bürger:innen herzustellen, die in ihr leben.

“Wir haben eine Strategie erarbeitet mit der breiten partizipativen Beteiligung mit der Stadtgesellschaft und wir setzen sie seitdem um. Und wir haben neue Themen bekommen, mit denen wir uns beschäftigen können. Eine gute Verwaltungsmodernisierung ist am Ende die Basis für eine smarte Stadt, deshalb freue ich mich, dass wir den Data Hub Berlin aufbauen. Wenn uns dieses Projekt gut gelingt, dann haben wir einen Riesenmeilenstein auf dem Weg der Verwaltungsdigitalisierung beschritten.”
Karen Laßmann, Gruppenleitung Smart City & Datenmanagement der Senatskanzlei Berlin
Was bleibt?
Unterschiedliche Sichtweisen, viele gegenseitige Abhängigkeiten, gemeinsame Lösungsansätze und der Konsens für mehr Zentralisierung bei der Digitalisierung – die diesjährige GD:B-Konferenz hat offenbart, dass das Thema Verstetigung einen wichtigen Nerv getroffen hat. Wir im CityLAB freuen uns darauf, die GD:B-Maßnahmenteams weiterhin auf ihrem Weg der Umsetzung zu begleiten und den so wichtigen Austausch weiter zu fördern. Auch für uns ist dieser Austausch sehr wichtig, denn die Herausforderung, digitale Produkte in die Verstetigung zu bringen, betrifft uns natürlich auch. Der Austausch mit der GD:B-Community bringt auch uns dabei voran.

Mehr Fotos zur GD:B-Jahreskonferenz gibt es auf Flickr.
