Vom Wunsch zur Werkbank: Im Kiezlabor wurden in Spandau und Reinickendorf Stadtmöbel gebaut, die Beteiligung sichtbar machen. Gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen und Partnern aus dem Kiez entstanden Orte, die bleiben – und Gespräche, die weitergehen.
Was passiert, wenn Nachbar:innen, Jugendliche, Designer:innen und Laubbläser aufeinandertreffen? Im besten Fall: neue Stadtmöbel, frische Beteiligungsprozesse und ziemlich viel Identifikation mit dem eigenen Kiez. An unseren letzten beiden Standorten – dem Poppele-Platz in Reinickendorf und im Spektefeld in Spandau – ist genau das passiert. Und zwar nicht als einmalige Mitmachaktion, sondern als sichtbare, nutzbare und bleibende Gestaltung vor Ort.
In mehreren Co-Design-Workshops haben wir gemeinsam mit dem Designstudio OUTRA, Kindern, Jugendlichen und lokalen Partnern Stadtmöbel für den Außenraum entworfen und gebaut. Sie bleiben nicht nur im Kiez, sondern stoßen Veränderung an. Oder wie eine Teilnehmerin meinte: „Ach so, das bleibt hier wirklich stehen?!“

Warum Möbel mehr bewegen als man denkt
Die beiden Orte liegen mitten in Großsiedlungen – und könnten trotzdem nicht unterschiedlicher sein. Genau deshalb zeigen sie so gut, warum Beteiligung nicht nach dem Workshop aufhört:
- Im Spektefeld 32-34 (Spandau): Ein Ort voller Potenzial, aber wenig Aufenthaltsqualität. Viel Asphalt, Parken statt Verweilen, Grünflächen ohne Nutzung, ein kaputter Zaun, fehlende Sitzgelegenheiten und immer wieder das Thema Sauberkeit. Gleichzeitig gibt es mit dem Quartiersmanagement Falkenhagener Feld West, dem Jugendclub OUTREACH, dem Raum für Beteiligung Spandau und einer offenen Gewobag starke Partner, die Lust auf Veränderung haben.
- Poppele-Platz (Reinickendorf): Der Platz wird genutzt – es gibt Spielgeräte und Bänke, aber wenig Schatten, einen nicht funktionierenden Brunnen und Bereiche, die Konflikte erzeugen. Schule, Nachbarschaft, Wohnungsunternehmen und Bezirk teilen sich hier den Raum – mit Vandalismus, Unsicherheiten und unklaren Zuständigkeiten. Zusammen mit dem Quartiersmanagement Titiseestraße haben wir die relevanten Akteur:innen an einen Tisch geholt, um ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, was sich ändern lässt und was bleiben kann.

Stadtmöbel sind in solchen Kontexten mehr als Bänke. Sie sind Gesprächsanlasser, Treffpunkte, Mini-Prototypen neuer Stadträume. Und sie zeigen sichtbar, dass Beteiligung mehr sein kann als Klebezettel am Runden Tisch.
In Spandau haben wir die vier Wochen Standzeit bewusst in Phasen gegliedert – vom Erkunden über Visionieren und Bauen bis zur Planung fürs nächste Jahr.
Level 1: Stadtraum erkunden und aneignen
Bevor gesägt wird, wird geschaut, zugehört, gestickert, spaziert und ausprobiert. Und manchmal entsteht dabei ganz nebenbei eine „Berliner Wurst“.


Spaziergang mit Ortswissen
Im Spektefeld haben wir die Umgebung gemeinsam mit Anwohnenden erkundet – inklusive verstecktem Schulgarten, Fassadengeschichten und spontaner Sticker-Diplomatie. Dabei kamen Dinge ans Licht, die auf keinem Plan stehen: ungenutzte Grünflächen, frühere Initiativen, vergessene Ecken und Orte mit Potenzial. Die Sticker markierten, wo etwas fehlt oder stört – und wo man ansetzen kann.
Die „Berliner Wurst“ als Raumtest
Bei Unfolding Places mit Ensayos Urbanos haben wir einen riesigen Schlauch mit einem Laubbläser aufgeblasen. Erst Irritation, dann Neugier, dann viele helfende Hände – und leuchtende Kinderaugen. Gemeinsam sind wir damit durch den Kiez gelaufen und haben ausprobiert, was passiert, wenn man so ein Objekt auch mal auf eine Grünfläche legt und den Raum anders denkt. Am nächsten Tag wurde der Schlauch im Knetworkshop offiziell getauft: die „Berliner Wurst“.
Räume denken mit Stäben und Kugeln
Am Poppele-Platz haben wir mit einer Schulklasse „Just Add People“ ausprobiert. Die Kugeln hatten Löcher, in die Stäbe gesteckt wurden – so konnten im öffentlichen Raum schnell große Prototypen entstehen. Damit die Konstruktionen halten, braucht es ein Team, das sich abspricht, stützt und gemeinsam entscheidet: die Kinder, wir als Facilitatoren und die Lehrkräfte. So wurden Wünsche sichtbar, die sonst oft nur ausgesprochen werden: Treffpunkte, Rückzugsorte, Spielgeräte, Überdachungen.
Level 2: Visionen entwickeln – digital und analog
Zwischen Werkzeugkiste und KI liegen manchmal nur ein paar Klicks – oder eine gute Idee.
Digitale Kiezträume zum Anfassen
Mit der Software UrbanistAI laden wir reale Bilder vom Ort hoch und platzieren Elemente wie Bäume, Brunnen, Graffiti, Sitzmöbel oder Spielgeräte direkt ins Bild. Das hilft vor allem Menschen, die nicht mit Plänen oder Modellen arbeiten, sich etwas räumlich vorzustellen. Die Visualisierungen lösen Gespräche aus und befeuern Fantasie. Kinder reagieren dabei oft am direktesten: Wenn die Farben nicht stimmen, wird protestiert. Wenn etwas passt, wird sofort weitergedacht. Genau diese Energie macht Vorschläge anschlussfähig – auch für Verwaltung und Wohnungsunternehmen.

KI als Dokumentationshelfer
Wenn viele Menschen gleichzeitig Ideen teilen, geht schnell etwas verloren. Deshalb haben wir mit Dembrane Sprachnotizen aufgenommen und transkribiert. Besonders in Gesprächsrunden zum Beteiligungsprozess und zum weiteren Vorgehen war das hilfreich, weil so nichts untergeht, was später wichtig wird.
Mapping mit Maßband und Pizzaofenfantasie
Im Spektefeld startete der erste Bauworkshop mit einem kollektiven Mapping: Was gibt es? Was fehlt? Was wünschen wir uns? Pizzaofen, Kräuterbeete, Kompost, Überdachung, Sonnenliegen, Bienenwiese, funktionierende Mülleimer – und bitte alles einmal mit dem Maßband nachmessen, damit die Dimensionen stimmen. Die Ideen wurden direkt auf einer Karte verortet und gemeinsam besprochen.
Wir testen an jedem Standort neue Tools – digital, analog oder irgendwo dazwischen. Wenn du ein Tool kennst, das zu uns passen könnte: schick uns eine Nachricht! hallo@kiezlabor.de
Level 3: Bauen im Stadtraum – die Werkstatt auf dem Platz
Wenn die Vision steht, wird Platz zur Werkbank.
Planung trifft Spontanität
Die Workshops brauchen gute Vorbereitung – vor allem mit Schulklassen und begrenzten Zeitfenstern. Aber sobald gesägt, gebohrt oder geschraubt wird, entsteht oft eine Eigendynamik: Am Poppele-Platz kamen manche Kinder nach Schulschluss wieder und wollten weitermachen.
Stationen, Werkzeuge und Rollenwechsel


An beiden Standorten gab es verschiedene Bau-Stationen – mal mit großen Bohrern samt Absenkvorrichtung, Schablonen zum Vorbohren und einem Tisch für den Zusammenbau, mal etwas improvisierter, aber mit genauso viel Energie. Nach einer kurzen Einführung zu Werkzeugen und Sicherheit konnten alle Teilnehmenden jeden Arbeitsschritt selbst ausprobieren, bevor sie sich auf die Stationen verteilten. So entstand schnell ein gemeinsamer Flow – vom ersten gebohrten Loch bis zum fertig montierten Modul.
Graffiti als Autorschaft

Parallel lief ein Graffitiworkshop vom Raum für Beteiligung und OUTREACH. Die Seitenplatten der Sitzmöbel wurden mit Namen, Farben und Tags gestaltet – nicht als Deko, sondern als sichtbares Zeichen: Wer hat hier mitgebaut? Wer erkennt sich wieder?
Und das Beste: Die Stadtmöbel stehen jetzt dort, wo sie entstanden sind – wetterfest, täglich nutzbar und nicht nur auf Fotos dokumentiert.
Level 4: Übergabe, Wirkung und was jetzt kommt
Am Poppele-Platz wurden die entstandenen Sitzmöbel – die “RolliPops” – feierlich an die Schule übergeben. Sie können flexibel auf dem Innenhof oder dem Platz davor genutzt werden. Im Spektefeld stehen die frisch gepimpten Möbel dauerhaft vor dem Jugendclub OUTREACH – und werden längst intensiv getestet, auch von Menschen, die gar nicht beim Bauen dabei waren.
Beteiligung endet nicht mit der Übergabe, sondern fängt dort erst an. Im Spektefeld läuft die Anschlussplanung bereits. Im Frühjahr 2026 soll die kleinere Grünfläche gemeinsam umgestaltet werden, ein Jahr später steht die große Fläche an – vielleicht mit Entsiegelung und Fördermitteln. Ob als Prototyp oder schon als feste Installation: Die Möbel sind Teil eines länger laufenden Prozesses.


Learnings, die bleiben
Hier ein paar Dinge, die wir mitnehmen und gern teilen:
- Zielgruppen früh einbinden: Am besten vor digitalen Modellen und Entwürfen – feste Gruppen (z. B. Schulklassen) geben Verbindlichkeit.
- Gute Vorbereitung = mehr Zeit fürs Bauen: Vorab zusägen, klare Stationen planen, Werkzeug erklären – dann klappt’s auch mit größeren Gruppen.
- Kooperation mit sozialen Trägern ist Gold wert: Gerade im Spektefeld war OUTREACH der Schlüssel, um Jugendliche, Eltern und Nachbarschaft mitzunehmen – und langfristig verankert zu bleiben.
- Rahmenbedingungen prägen Prozesse: Am Poppele-Platz brauchte es viel Vermittlung zwischen Schule, Quartiersmanagement, Wohnungsunternehmen und Bezirk. Im Spektefeld hingegen das Sichtbarmachen von Potenzialen an Orten, die sonst „Zwischenraum“ sind.
- Kleine Interventionen, große Wirkung: Schon eine Bank kann Gespräche und Zukunftsbilder auslösen. Frei nach Jan Gehl: Erst formen wir den Stadtraum – dann formt er uns. Bei Möbeln ist das nicht anders.
- Feiern motiviert: Ein Gewinnerfoto, ein gemeinsames Essen oder eine feierliche Übergabe geben Wertschätzung und Energie für den nächsten Schritt.
„Am besten ist es, wenn ein Träger den Prozess über mehrere Jahre begleitet. Sonst baut man etwas auf – und dann verpufft es. Wir versuchen das abzukürzen, indem wir sagen: Wir bauen jetzt etwas, und das bleibt Teil des größeren Prozesses. Think big, start small 🙂 “
Julian vom Team Kiezlabor
Einblick in unsere Dokumentation
An jedem Standort entsteht eine Dokumentation – mit unseren Methoden und Tools, Analysen und Erkenntnissen, Ideen und Visionen sowie Wünschen für die zukünftige Gestaltung. Sie enthält auch Stimmen aus dem Kiez und fließt direkt in weitere Beteiligungsprozesse ein. So wissen wir inzwischen ziemlich genau, wo es hakt, was machbar ist und was besser anders läuft – und genau darin liegt das Potenzial.
Stadtmöbel sind dabei nicht das Ziel, sondern das Vehikel. Sie zeigen, was möglich wird, wenn Beteiligung nicht in PDFs endet, sondern in Holz, Farbe, Schrauben und Pizzaofenfantasien.
Und ja – manchmal endet Beteiligung doch in einer PDF. Hier könnt ihr euch die Dokumentation zum Poppele-Platz ansehen oder herunterladen.
Und wer selbst Lust bekommen hat, den eigenen Kiez mitzugestalten:
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