La deutsche Vita: Berlins Stadtbild und Placemaking in Italien

Das Kiezlabor in Italien

Von Henriette Närger – 24. November 2025

Das “Stadtbild” wurde in den letzten Wochen heiß diskutiert. Aber was fällt uns denn wirklich Störendes im Stadtbild auf? In Berlin ist die Liste lang… von abgestellten Sofas und Badewannen über rumfliegenden Chipstüten bis hin zu heißen Betonwüsten ist alles mit dabei. Und was hat das jetzt mit Placemaking zu tun? “Placemaking” wird im Deutschen als “Stadtmachen” übersetzt, und genau das meint es: gemeinsam Stadt machen. Aber wie? Und warum?  

Placemaking im Kiezlabor  

We shape our buildings; thereafter they shape us.” (Winston Churchill). Einfach übersetzt: wenn wir an einer lauten stressigen Kreuzung stehen, sind wir schnell selbst gestresst.  

Placemaking ist ein kreativer Ansatz, um Stadtplanung und -design partizipativ und experimentell zu gestalten. Um aus verankerten Strukturen ausbrechen zu können und neue Sachen leicht und schnell ausprobieren zu können. Aber wie genau sieht das in der Umsetzung aus? Beim Kiezlabor tangieren wir den Placemaking-Ansatz auf unterschiedliche Weise. Hier zwei Beispiele von unseren Standorten dieses Jahr.  

  • Stadtvisionen mit KI und Kreide: Mit unserem Lastenrad in Friedrichshain haben wir dieses Jahr wieder einen Stadtvisionen-Workshop angeboten. Hier haben wir mit Schulklassen Zukunftsvisionen für die umzugestaltende Straße vor der Schule erprobt. Und zwar teils digital teils analog. Zuerst generieren wir gemeinsam Bilder der veränderten Straße per KI, um zu sehen, wie die Straße bspw. mit mehr Grün oder einem Basketballplatz aussehen würde. Und vor allem um parallel darüber diskutieren zu können, warum diese Veränderung gewünscht ist und wie das in der Umsetzung funktionieren könnte. Oder um potenzielle Hürden direkt identifizieren zu können. Und im zweiten Schritt haben die Kinder die Ideen – wortwörtlich – direkt auf die Straße gebracht: So wurde mit Kreide und Tape der Bereich gekennzeichnet, wo ein Grünstreifen sein sollte, und auch direkt fleißig Räder darauf geschlagen.  
  • Stadtmöbel selbst bauen: Am Poppele-Platz in Reinickendorf haben wir vor Ort mit den Anwohnenden Stadtmöbel gebaut, gemeinsam mit dem Design Studio OUTRA. Das hat nicht nur den Vorteil, dass direkt ausgetestet werden kann, wie es sich anfühlt dort plötzlich eine Parkbank oder ein Hochbeet stehen zu haben, sondern auch mehr Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem entstandenen Gegenstand entsteht.  

So können die Leute ihre Ideen direkt ausprobieren und testen. Beispielsweise wo genau eine Parkbank stehen sollte oder wie es sich anfühlt, auf einer sonst vielbefahrenen Straße ein Rad schlagen zu können. Sobald Menschen erleben und sehen können, wie Veränderung aussehen kann, wird sie plötzlich viel greifbarer – und damit umsetzbarer.   

Das Kiezlabor-Lastenrad

Drei Dimensionen von Placemaking, die es für die genannten Beispiele braucht, sind: “Hardware, Software und Orgware”. Also sowohl die Bank mit integriertem Hochbeet (Hardware), als auch die Schul-AG, die sie gießt (Software), als auch das Quartiersmanagement, an das wir nicht nur die Möbel, sondern auch die Beteiligungsergebnisse übergeben können für ein langfristiges Wirken (Orgware). Also physische, soziale und netzwerkübergreifende Strukturen.  

All diese Sachen haben wir die Saison über ausprobiert und sind dafür mal wieder durch einige Kieze gezogen. Und damit das Kiezlabor mit viel Inspiration in die Winterpause zieht, waren wir Ende September auf der Placemaking Week Europe in Italien.  

Placemaking Week Europe: Von Europa für Berlin lernen 

Viele der Themen, die unsere Kiezlabor-Saison geprägt haben – Vielfalt und Begegnung, Leerstand, Klimaanpassung und Mobilität – fanden sich auch auf der Placemaking Week Europe (PWE) wieder. Doch die PWE ging noch ein Stück tiefer: Neben den bekannten Herausforderungen wie Entsiegelung, Schatten oder der Frage nach zukünftiger Parkplatznutzung wurden vor allem lokale Problemlagen sichtbar, die oft im Stadtalltag übersehen werden. 

Reggio Emilia, die diesjährige Gastgeberstadt, ist ein gutes Beispiel dafür. Trotz ihres wunderschönen historischen Stadtkerns wirken Teile der Stadt wie aus der Zeit gefallen: Viele Wohnungen stehen leer, Institutionen vom Kino bis zur Werkstatt schließen, asphaltierte Plätze ohne Grün, und im Stadtbild sind immer weniger junge Menschen präsent. Diese Entwicklungen sind keine Einzelfälle – und genau darum versammeln sich jedes Jahr hunderte Menschen aus verschiedensten Städten und Ländern auf der PWE: um Ursachen zu verstehen und Ansätze zu teilen, wie solchen Trends entgegengewirkt werden kann. Ob steigende Mieten, Versiegelung oder fehlende soziale Infrastruktur – die Themen sind überall ähnlich, doch die Lösungswege sind vielfältig. 

Und dabei ist die PWE keine gewöhnliche Konferenz: Sie findet nicht in einer großen Messehalle statt, sondern im Parco Innovazione und in der Stadt an sich. Klar, es geht ja auch um die Stadt. Zum Abschluss der Konferenz wurde sogar auf einem der “Piazze” getanzt. Hier sind die Italiener:innen eben etwas lockerer, da durfte auch nach 22 Uhr noch der Bass wummern. 

Session-Beispiele: 

Design for Urban Change Toolkit  

Eine der Sessions fand in einem kleinen Hinterhof statt – ein fast beiläufiger Ort, der dadurch perfekt zu ihrem Thema passte. Ausgangspunkt war eine verlassene Stadt in Spanien, in der die letzte Schule geschlossen wurde und somit mit Abwanderung insbesondere von jungen Leuten zu kämpfen hat. Mit dem Design for Urban Change Toolkit erkundeten wir Methoden, um solche Entwicklungen sichtbar zu machen und mögliche Interventionen zu planen und zu diskutieren. 

Panel: Intersections: Placemaking across disciplines and sectors 

Schnell wurde deutlich, dass die geschilderte Situation kein Einzelfall ist, sondern viele Regionen Europas beschäftigt. In einem Panel und der Radical Honesty Fishbowl wurde der politische und strukturelle Rahmen diskutiert – offen, direkt und ohne Beschönigung. Dort ging es bspw. um die Auswirkungen des wirtschaftlichen Wandels von Städten: von früher industriell spezialisierten Orten hin zu einer dienstleistungsgeprägten Gesellschaft, in der viele Kommunen ihre Rolle neu definieren müssen. Während manche Städte rasant wachsen, kämpfen andere mit Abwanderung – und beide Entwicklungen verstärken ähnliche Probleme: Einsamkeit und soziale Brüche. Neben der wirtschaftlichen Perspektive wurde auch die psychologische diskutiert: “Some people might not necessarily need therapy, what they need is fair policies”. (Ronke Oluwadare) 

Local Challenge: Nature-based and climate-proof rethinking of Piazza della Vittoria  

Ein weiteres heiß diskutiertes Thema ist der Klimawandel: In einer von mehreren Local Challenges beschäftigten wir uns mit Klimaanpassungsstrategien und “nature based solutions”. Nach spannenden Impulsen von Gehl und Inclusive City haben wir als Gruppe aus Einhemischen, Verwaltung und Stadtplaner:innen den Platz analysiert und konkrete Vorschläge für die Stadt erarbeitet. Hierfür haben wir SOS4CITIES als methodischen Ansatz genutzt. Und haben bei der Analyse schnell gemerkt, dass besonders Orte der Zusammenkunft fehlen – ohne Hürden, für alle. Also ohne Bezahlschranke, ohne Hitzebelastung, und ohne Erwartungshaltung.  

Stadtmachen – irgendwas zwischen Fragen und Wagen  

Ein Highlight neben Eis und Parmesan war natürlich, dass wir mit unserer eigenen Session an der PWE eine Diskussionsrunde kreieren konnten. Hier haben wir uns mit den Konzepten “top-down” und “bottom-up” in einer gemeinsamen Session mit CityPeloton aus Tel Aviv auseinandergesetzt: Two tactics walk into one piazza.  

CityPeloton wird von der Stadt beauftragt, Interventionen zu bauen, und schaut im Nachhinein wie die Leute das annehmen (“top-down”). Das Kiezlabor wiederum kommt an Orte, um Dinge zusammen mit den Bürger:innen auszuprobieren, um dann gemeinsam langfristig Veränderung anstoßen zu können (“bottom-up”). Beide Ansätze haben Vor- und Nachteile, jedoch vor allem eins gemeinsam: spielerisch Hürden überwinden und Menschen zusammenbringen.  

Inspiriert? Jetzt Teil davon werden  

Und was bleibt? Viele neue Kontakte, ein voller Bauch, und eine Neugründung: Placemaking Germany wurde offiziell gegründet. Seid auch Ihr eine aktive Initiative / Stadt in Deutschland? Dann meldet Euch hier

Habt Ihr Ideen und Anliegen das Stadtbild zu verändern? Das Kiezlabor sucht nach neuen Standorten für 2026 über unseren Open Call, die Deadline ist der 30. November 2026. Wir freuen uns, von Euch zu hören. Ciao!