Datenkompetenz am Schlüsselbund

Wie wir mit unserem Workshop zu mehr Datenphysikalisierung und Data Literacy beitragen wollen

Von Anna Meide, Anna Eschenbacher – 14. August 2025

Daten kann man nicht nur sehen, man kann sie auch anfassen! Im CityLAB haben wir dafür ein eigenes Workshop-Format entwickelt, bei dem persönliche Daten in farbenfrohe Acrylformate übersetzt und zu einer individuellen Datenphysikalisierung zusammengesetzt werden. So entsteht ein greifbares, ästhetisches Objekt, das nicht nur schön aussieht, sondern auch dazu einlädt, über die eigenen Daten und ihre Rolle in unserer Welt nachzudenken.  

Daten sind Welterfahrung

„Data represents real life. It is a snapshot of the world, in the same way that a picture catches a small moment in time. Numbers are always placeholders for something else (…). “ 

Giorgia Lupi

Giorgia Lupi, die Grande Dame der Datenvisualisierung und Verfasserin des Data Humanism Manifesto praktiziert das Visualisieren von Daten als einen Zugang zur Welt. So hat auch jede und jeder von uns alltäglich mit Daten zu tun. Wir konsumieren und produzieren Daten mit schnellen, leichten Bewegungen unserer Fingerspitzen: Wir klicken uns durch Abfrage-Pop-ups und Datenschutzerklärungen, geben private Standorte frei, erlauben gefühlt tonnenweise digitaler Cookies in unseren Browsern, speichern unzählige Login Passwörtern und Codes und geben unsere Gesichter und Fingerabdrücke frei, um unsere Geräte zu sichern. 

Manchmal wird uns dabei die Entscheidung überlassen, ob wir es auch wirklich tun wollen, oftmals werden unsere Daten jedoch einfach anonymisiert gespeichert ohne, dass wir etwas davon mitbekommen. 

Ich Daten also bin ich 

Allein beim Onlineshopping werden so beispielsweise Besuchszahlen pro Seite, Verweildauer, Absprungrate oder Kaufvorlieben im Sekundentakt gesammelt. Schnell wird man dann katalogisiert und einer Alters- und Interessengruppe in einem demografischen Cluster zugeordnet. Die Grundlagen für Microtargeting sind gelegt, die personalisierte Werbung kann loslegen. 

Hinzu kommt das höchst individuelle Tracking auf dem eigenen Smartphone oder einem Wearable. Wie hoch ist deine Bildschirmzeit? Wie viele Schritte bist du heute schon gegangen? War deine REM-Schlafphase lang genug? 

Data Literacy – eine neue Grundkompetenz

Wenn man über Daten nachdenkt, gelangt man früher oder später zu einer entscheidenden Frage: Wie können wir über unsere eigenen Daten ein Stück mehr Macht erlangen? Einen ersten, sinnvollen Schritt bietet die sogenannte Data Literacy. Der zeitgenössische Begriff beschreibt die Fähigkeit zu verstehen, wie Daten heute gesammelt, ausgewertet und genutzt werden. Doch Daten, das klingt nach Big Tech, Big Data und Statistiken – zu trocken und zu viel. 

Datenphysikalisierung – ein menschliches Maß 

Die gute Nachricht ist, Daten können Spaß machen. Denn Daten, das ist die kleinstmögliche Einheit an Information. Neben den klassischen Zahlen können Daten auch Worte, Bilder, Emotionen, Gegenstände und selbst so Vergängliches wie Düfte sein. Mit anderen Worten alles, was gezählt, aufgenommen und gespeichert werden kann. 

Und mit Methoden aus dem Bereich der Datenphysikalisierung (eng. Data Physicalization) lassen sich Daten sogar anfassen. In der Wissenschaft heißt es dazu: „(Ein) Physikalisches Artefakt, dessen Geometrie oder Materialeigenschaften Daten kodieren.“ (Jansen et al, 2015)

Alle wollen Daten anfassen

Datenphysikalisierungen sind uralt. Bereits die Steinzeitmenschen haben von vor über 40.000 Jahren Einkerbungen in Lebombo-Knochen geritzt, um Ereignisse zu markieren – waren es Mondphasen oder der Score, wer beim Mammutjagen die Beste war, darüber schweigt die Geschichte, doch das Bedürfnis Daten festzuhalten, ist so alt wie die Menschheit selbst. 

Daten zum Anfassen tauchen heute in vielen Bereichen auf. In Bildung und Forschung werden haptische Modelle eingesetzt, um Theorien buchstäblich besser zu begreifen, so wie im Beispiel des DNA-Doppelhelix-Modells. Stadtplaner:innen nutzen partizipative Datenerhebungen an öffentlichen Plätzen, um Stadtbewohner:innen zu geplanten Baumaßnahmen zu befragen und die Menschen so zu mehr gemeinsamer Entscheidungsfindung zu bewegen. Ein Beispiel hierfür ist unser CityLAB-Projekt Kiezpuls im Kiezlabor: Dabei können Bewohner:innen spielerisch, indem sie einen Faden ziehen, Fragen zu städtischen Themen beantworten. Museen, Hochschulen und Innovationslabs nutzen den Gamification-Ansatz und entwickeln datenbasierte Spiele, wie z.B. das ODIS-Supertrumpf, um die Data Literacy spielerisch zu vermitteln. Künstler:innen nutzen Daten als Gestaltungsgrundlage und wandeln so drängende Fragen unserer Zeit, wie den Klimawandel oder Gendergerechtigkeit in datenbasierte Kunstwerke. 

Unser Workshop: Von Datenerhebung bis zum Schlüsselanhänger

Im Interfacedesign-Studium lernt man, dass das beste Interface für einen Menschen ein anderer Mensch ist. Das fordert klassische Formate digitaler Datenvisualisierung wie interaktive Karten oder Infografiken heraus. Wir wollen in unserem Workshop die Arbeit mit Daten entlang des menschlichen Maß justieren. 

Gruppe von Workshop-Teilnehmenden steht an einem langen Tisch, tauschen sie aus und bastelt bunte Schlüsselanhänger auf der re:publica 2025.
Gruppe von Workshop-Teilnehmenden steht an einem langen Tisch, tauschen sie aus und bastelt bunte Schlüsselanhänger auf der re:publica 2025.

Der Workshop beginnt mit einer gemeinsamen Datenerhebung. Dabei werden alle Teilnehmenden zu Datenspender:innen, die ihre individuellen Antworten in Daten umwandeln. Je nach Format können auch gemeinsam eigene Fragen entwickelt werden – als Gruppe oder Individuum. Während im nächsten Schritt die Antworten entsprechenden Acrylformen zugewiesen werden und das Zusammenstellen des Schlüsselanhängers beginnt, entsteht Raum für Austausch und persönliche Daten-Geschichten. Man ist beisammen, man ist schöpferisch tätig – vor 40.000 Jahren und heute. 

Workshopleiterinnen Anna Meide und Anna Eschenbacher tragen vor einer Gruppe von Workshop-Teilnehmenden bei der CityLAB Sommerkonferenz 2025 vor.
Workshopleiterinnen Anna Meide und Anna Eschenbacher tragen vor einer Gruppe von Workshop-Teilnehmenden bei der CityLAB Sommerkonferenz 2025 vor.

„Transforming data to symbols causes us to see it and therefore react to it.“  

Lydia van der Speck 

So dient der finale Schlüsselanhänger als Übung zum Umgang mit eigenen Daten, zum ersten Verständnis der Grundlagen von Data-Mapping und als Gesprächsstarter mit den anderen Teilnehmenden, mit Freunden, mit Familie und mit Vertreter:innen anderer Generationen. 

Aus Daten wird Design – so läuft der Workshop ab 

Ziel des Workshops ist, dass sich Teilnehmende mit ihren eigenen Daten auseinandersetzen, Grundlagen der Datenvisualisierung kennenlernen und ihre gesammelten Daten in passende Darstellungsformen übertragen. Als Ergebnis nimmt jede:r einen personalisierten Schlüsselanhänger mit nach Hause. 

Für jeden Workshop gliedert sich die Vorbereitung in drei Schritte:  

  1. Themen- und Fragenauswahl 
  2. Visuelles Mapping und  
  3. Zusammenstellung benötigter Materialien im Workshop-Kit 
1. Themen- und Fragenauswahl

Für den Daten-Schlüsselbund haben wir gezielt Fragen entwickelt, die sowohl das Workshop-Thema widerspiegeln als auch einen persönlichen Bezug für die Teilnehmenden herstellen. Die Fragen dienen als Ausgangspunkt, um Daten aus dem eigenen Alltag sichtbar zu machen. Alle Fragen werden auf einem DIN-A4-Fragebogen aufgeschrieben und an die Teilnehmenden verteilt. 

Ein Ausschnitt mit zwei Fragen aus dem gesamten A4-Fragebogen.
Ein Ausschnitt mit zwei Fragen aus dem gesamten A4-Fragebogen.

Beispiel: Beim re:publica-Workshop „Deine Mediennutzung als Schlüsselanhänger“ lautete die Einstiegsfrage: „Wie hoch ist deine tägliche Smartphone-Bildschirmzeit?“ Solche Fragen sollen zum Nachdenken über die eigene Mediennutzung anregen und so eine emotionale Verbindung zu den Daten schaffen. Ein wichtiger Punkt bei der Fragenauswahl ist die Verfügbarkeit der Daten. Die Bildschirmzeit ist beispielsweise ein oftmals leicht zugänglicher Datensatz, da diese von den meisten Smartphones aufgezeichnet wird. 

Die letzte Frage überlassen wir bewusst den Teilnehmer:innen. Als Anregung geben Formen vor. So können sie selbst entscheiden, welche Frage für sie persönlich noch wichtig ist und wie sich die Antworten auf die vorgegebenen Formen übertragen lassen. 

Workshop-Teilnehmerin beim Girlsday füllt mit einem schwarzen Stift einen Fragebogen aus, auf dem Tisch liegen bunte Kunststoffanhänger, kleine Metallringe und weiteres Bastelmaterial.
Workshop-Teilnehmerin beim Girlsday füllt mit einem schwarzen Stift einen Fragebogen aus, auf dem Tisch liegen bunte Kunststoffanhänger, kleine Metallringe und weiteres Bastelmaterial.
Visuelles Mapping 

Die Antworten auf die Fragen werden in eine visuelle Sprache übersetzt – mithilfe variierender Farben, Formen und Größen. Dadurch lernen die Teilnehmenden unterschiedliche Ansätze des Data-Mappings kennen. 

Zunächst definieren wir, beispielsweise bei der Bildschirmzeit, Kategorien wie: 1–2 Stunden, 2–4 Stunden oder 4+ Stunden. Anschließend legen wir die passenden visuellen Parameter fest: Ein hellblaues, transparentes Rechteck symbolisiert die Bildschirmfläche und seine Größe spiegelt die Intensität der Nutzung wider. Im letzten Schritt fertigen wir mithilfe eines Laser-Cutters Prototypen an, indem wir farbige Acrylglaselemente zuschneiden – sie dienen später als individuelle Anhängerformen. 

Nozzel eines Lasercutters, der kleine Daumen-Hoch-Formen aus einem blauen Acrylglasstück herausschneidet.
Nozzel eines Lasercutters, der kleine Daumen-Hoch-Formen aus einem blauen Acrylglasstück herausschneidet.

Auf diese Weise wird aus einer abstrakten Information ein greifbares, persönliches Objekt, das schließlich als Teil eines Schlüsselanhängers getragen werden kann. 

Workshop-Kit 

Für die Umsetzung haben wir ein kompaktes Workshop-Kit zusammengestellt. 

Das Kit umfasst:  

  • Schlüsselringe  
  • Acrylglas-Anhänger in verschiedenen Farben und Formen  
  • Kleine, biegsame Ösen zum Befestigen der Elemente am großen Schlüsselring  
  • Bastelzangen, um die Elemente miteinander zu verbinden 
  • Fragebögen mit vorbereiteten Workshop-Fragen und dazugehörigem visuellen Mapping 
Gruppe von Workshop-Teilnehmenden steht an einem langen Tisch, tauschen sie aus und bastelt bunte Schlüsselanhänger auf der re:publica 2025.
Workshop-Teilnehmerin bei der re:publica 2025 befestigt mit einer Zange bunte Kunststoffanhänger an einem Schlüsselring, auf dem Tisch liegen Fragebögen, Stifte und kleine Metallringe.

Let’s Data together

Wir veranstalten den Workshop im Rahmen unterschiedlicher Formate, wie der re:publica, der Sommerkonferenz des CityLAB oder an unterschiedlichen Standorten des Kiezlabors. Solltest auch du Interesse am Workshop haben, sprich uns gerne an info@citylab-berlin.org 

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Quellen