Ohne Dich sind wir nur ein Container!  

Die Entstehungsgeschichte unseres Kiezlabor

Von Julian Zefferer – 23. Februar 2026

Ein leeres Blatt Papier ist immer etwas beängstigend. So viele Möglichkeiten. Doch wo fängt man an? Wie geht man da vor? Was, wenn am Schluss alles für die Katz war? Genau so erging es uns, als wir 2023 als CityLAB den Auftrag der Senatskanzlei Berlin erhielten, das Projekt Kiezlabor als eine Maßnahme aus der Smart City-Strategie Gemeinsam Digital: Berlin umzusetzen. Bei uns war dieses leere Blatt ein alter Schiffscontainer und die Frage: Wie können wir Innovation und Beteiligung raus aus dem CityLAB und rein in die Berliner Kieze bringen?  

Das Kiezlabor auf dem Poppele-Platz im Rollbergkiez.

Vom leeren Blatt zum ersten Schritt 

Irgendwo muss man anfangen. Also das Handbuch Öffentliches Gestalten zu Rate ziehen: Ist-Zustand betrachten, Beteiligte identifizieren, Problemverständnis schärfen, rausgehen und Menschen treffen – die Klassiker des prototypischen Arbeitens. So machen wir das eben im CityLAB. 

Für alle, die es noch nicht wissen: Im CityLAB Berlin werden Innovation und Partizipation zusammen gedacht: Verwaltung und Stadtgesellschaft arbeiten hier gemeinsam an Lösungen für das digitale Berlin von morgen. 

Der weiße Container wird also selbst zum Prototyp; ein leeres Blatt Papier, mit dem entworfen, erkundet und erprobt wird.

So haben wir uns das Kiezlabor zu Beginn vorgestellt – gar nicht mal so weit weg vom Original!

Andere Städte, ähnliche Experimente – Inspiration für unser mobiles Stadtlabor 

Wir standen 2023 am Anfang einer Welle mit einigen wenigen, die versucht haben herauszufinden, was Sinn und Zweck eines mobilen Stadtlabors sein sollte. Es gab das Tiny Rathaus Kiel, Karlsruhe hatte ein mobiles Reallabor am Forschungsinstitut KIT, die ein oder andere Stadt spielt mit ähnlichen Ideen rum, kommt aber nicht weiter. 

Nächster Schritt: Problemverständnis schärfen. Welches Problem kann so ein mobiles Labor im Kiez überhaupt lösen? Das bedeutet viele Gespräche führen, viel recherchieren, viel beobachten. Und was beobachtet man in Berlin im Winter? Muss ich ja niemandem erzählen: Verdrossenheit, Ermüdung, Misstrauen, graue Stadt, graue Gesichter. 

Das mag jetzt überzogen klingen, aber der Grundton ist nicht ganz falsch. Es gibt schon länger besorgniserregende Tendenzen in unserem Zusammenleben zu beobachten. Das gilt auf einer ganz großen Ebene, aber eben auch im ganz Lokalen, also auch im Kiez. Woher kommt die Baustelle vor meiner Haustür? Wieso bekomme ich keinen Bürgeramtstermin? Oder mal aus der Perspektive der Berliner Verwaltung: Wieso erscheinen nur die gleichen drei Leute zur Beteiligungswerkstatt im Bezirk? 

Wir brauchen also einen Raum, wo Verwaltung und Anwohnende sich zu kiezrelevanten Themen begegnen können und gemeinsam mit neuen, einladenden und niedrigschwelligen Methoden an der Stadt von morgen arbeiten. So etwas wie ein Labor im Kiez. Mhhm, wie könnte man so etwas nur nennen… 

Das Kiezlabor – Ein Update für städtische Partizipationsprozesse 

In den vergangenen drei Jahren haben wir mit dem Kiezlabor einen Raum geschaffen, in dem Koproduktion im Stadtraum lebendig wird. Wie sieht der aus? Hier ein kleiner Einblick: 

Der klassische Gesprächseinstieg: Termine im Bürgeramt  

Der häufigste Berührungspunkt eines jeden Berliners und einer jeden Berlinerin mit der Verwaltung ist wohl das Bürgeramt. Und es ist gleichzeitig wohl der sagenumwobenste Ort der Stadt. Viele haben die Tür zum Berghain überwunden, bevor sie einen Schritt ins Bürgeramt gesetzt haben. Ob es am fehlenden Termin, am fehlenden Ausweisfoto oder an der fehlenden Motivation liegt, die Fahrt nach Spandau auf sich zu nehmen, weil nur das Bürgeramt dort einen Termin frei hatte – es gibt vielfältige Hürden auf dem Weg zum neuen Reisepass. 

In einer wunderbaren Kooperation mit dem Ausbildungsbürgeramt Friedrichshain-Kreuzberg haben wir diese fundamentale Schnittstelle im Kiezlabor einmal auf den Kopf gestellt. Was, wenn das Bürgeramt zu dir kommt? Auf dem Weg zur Kita oder dem Heimweg von der Arbeit steht plötzlich ein (nun bunter) Container, ein paar Tische davor und ein großes Banner: „Neuer Personalausweis? Neuer Reisepass? Hier ohne Termin.“ Die meisten Leute hatten erstmal Angst vor Identitätsdiebstahl, bevor sie uns geglaubt haben, dass das hier gerade echt ist. 

An jedem Standort ein Highlight: Das Team vom Ausbildungsbürgeramt Friedrichshain-Kreuzberg.

Ein Startpunkt für das Kiezlabor-Programmportfolio. Aber wie geht es weiter? Ein zweites Beispiel: Wer schon einmal mit etwas Muße die Beteiligungsplattform mein.berlin.de durchforstet hat, ist definitiv schon auf diverse schwer lesbare Stadtpläne getroffen. Da steht dann so etwas wie Flurstück 3 und darunter sind viele wirre Linien, manche gepunktet, manche gestrichelt, und – man glaubt es kaum – manche sogar bunt. Hier ist der Punkt, wo man spätestens aufgibt, den Tab im Browser schließt, stattdessen Facebook öffnet und irgendwo einen wütenden Kommentar über die neue Baustelle vor der Kita abgibt. 

Stadtvisionen kinderleicht gemacht mit KI 

Was sagt bekanntlich mehr als tausend wirre Linien? Bilder natürlich. Mit Bildern und einer Prise Magie in Form von K.I. haben wir Beteiligungsverfahren wortwörtlich kinderleicht gemacht. 

In Friedrichshain-Kreuzberg kam zum Beispiel eine Schulklasse bei uns vorbei. Im Gepäck hatten wir unser bildgeneratives K.I.-Tool Stadtvisionen, einen großen Monitor und Mitarbeiter:innen des Bezirksamts. Wir sitzen also in einer Straße, die zu einer Schulzone umgestaltet werden soll. Nach einer kurzen Einführung zum Thema, zu den Wünschen der Schüler:innen für eine solche Schulzone und einem Rundgang durch die Straße ist das Prinzip wie folgt: Drauf zeigen, rein rufen. Da eine Bank, da ein Federballnetz, da der Radweg. Parallel geben wir der K.I. diese Prompts weiter und bearbeiten Bilder der tatsächlichen Straße so um, dass dort eine Bank, ein Federballnetz, ein Radweg entsteht. 

Klingt naiv? Dann unterschätzt man Kinder. Die können nämlich, sobald es greifbar ist, erstaunlich kritisch werden. Dann kommen Einwände: „Aber wenn das da steht, dann kommt man ja hier gar nicht mehr durch.“ oder „Aber wer kümmert sich denn um die Pflanzen?“ Natürlich braucht es eine gute Moderation, aber wenn Veränderung durch Bilder zum Greifen nah wird, dann wird eine abstrakte Planung ein ganz organischer Prozess. Dann kommen Ideen, Probleme, Sorgen auf den Tisch, die in der Betrachtung eines Plans gar nicht beachtet wurden oder erst klar werden, wenn der Radweg schon gebaut ist.

Gruppe von Kindern steht am Lastenrad des Kiezlabors vor der Anwendung Urbanist AI
Kinder + KI = Kritische Ideen für den Kiez.

Die Welt der Beteiligung dreht sich weiter. Ein letztes Beispiel aus dem Kiezlabor dreht einen weiteren Klassiker der Bürgerbeteiligung auf den Kopf. Nehmen wir einmal an, ein Beteiligungsprozess läuft verhältnismäßig gut. Anwohnende haben ihre Stimme abgegeben, haben ihre Sorgen und Wünsche geteilt. In den meisten Fällen passiert dann erstmal eine ganze Weile nichts, und in sehr vielen Fällen verschwinden diese Sorgen und Wünsche, bis irgendwann ein erster Planungsentwurf steht, geschweige denn eine Bank irgendwo im Nirgendwo gebaut wird. Der Worst Case ist eingetreten: Menschen wurde Hoffnung auf Veränderung gemacht, diese Hoffnung wurde enttäuscht. 

Von der Vision zur konkreten Umsetzung  

Dabei muss es in vielen Fällen gar nicht so kompliziert sein. Stadtmöbel sind in den richtigen Händen keine Raketenwissenschaft. Und so wird das Kiezlabor im Handumdrehen regelmäßig zur Kiezwerkstatt. Denn wenn es gut vorbereitet ist und die richtigen Leute in einem Vorprozess involviert werden, dann kann ein kleiner Platz auch mal in sechs Monaten umgestaltet werden und die ersten Stadtmöbel werden von einer Gruppe von Anwohnenden gemeinsam im ersten Monat geschaffen. Die Stadtmöbel werden im ersten Schritt gemeinsam entworfen, dann zusammengebaut – bedarfsgerecht, sichtbar, nutzbar. Planung und Umsetzung rücken zusammen. Vertrauen entsteht nicht durch Versprechen, sondern durch Erfahrung im eigenen Lebensumfeld.

Neue Sitzgelegenheiten im Handumdrehen – das Kiezlabor, ein paar helfende Hände und starke Partner vor Ort machens möglich!

Von Mehrarbeit zu Zusammenarbeit – von Beteiligung zu kooperativer Stadtentwicklung 

In den kommenden Jahren werden solche kooperativen Projekte immer wichtiger. Mit dem aus dem Baumentscheid hervorgegangenen Klimaanpassungsgesetz hat sich die Stadt hohe Ziele gesetzt. Das ist natürlich erst einmal positiv, birgt aber die altbekannte Gefahr, dass Politik sich auf immer neue Ziele konzentriert und Verwaltung bei mangelnden Ressourcen in größere Überforderung rutscht. Auf der anderen Seite zeigt der Baumentscheid auch, dass Berliner:innen ein großes Interesse an Mitgestaltung ihrer Stadt haben und bereit sind, beträchtlich viel Zeit und Energie für eine lebenswerte Nachbarschaft aufzuwenden. Das gilt, insofern man ihnen eine Schnittstelle bietet – wie eben der Volksentscheid. Besonders die Szene rund um Stadtgrün und Nachhaltigkeit ist extrem lebendig. 

In den letzten Jahren haben besonders große Modellprojekte, wie das Haus der Statistik, gezeigt, wie kooperative Stadtentwicklung funktionieren kann. Die bevorstehende Aufgabe ist es, Strukturen aufzubauen, in denen die Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und Verwaltung in vielen kleineren und lokalen Prozessen stattfinden kann, in denen Verwaltung auch Nutzen von diesen Prozessen ziehen kann. 

Wir haben im Kiezlabor in den letzten Jahren viele Erfahrungen gemacht, was funktioniert, was scheitert und warum. 

Der Modus, in dem Beteiligung gerade meist durchgeführt wird, beschränkt sich (nicht zuletzt, weil Unklarheit darüber besteht, wie ein Beteiligungsprozess durchgeführt wird) auf das Einrichten einer Seite auf mein.berlin.de und – wenn es hochkommt – eine Beteiligungswerkstatt, zu der die gleichen drei Leute erscheinen. 

Dabei wird aber unterschätzt, dass ein gut moderierter Prozess sogar Arbeit und Ressourcen sparen kann. Wien bringt hier mit den Grätzllaboren ein wunderbares Beispiel, das eine ganze Facette von vorbildhaften Eigenschaften aufzeigt:

  • 1) Ansprechpersonen und Orte direkt in der Nachbarschaft
  • 2) partizipative, selbstverwaltete Budgets
  • 3) Organisation zur Selbstorganisation von Anwohnenden
  • 4) strukturelle Verankerung von Austausch und Beratung mit Bezirksvertreter:innen über eine Steuerungsgruppe

Das Resultat ist eine bedarfsorientierte, oft eigenständige Gestaltung des Stadtraums. 

Berlin hat hier und da schon einzelne Bestandteile dieses Konzepts verteilt über die Stadt, aber das Puzzle wurde noch nicht zusammengefügt. Für die realistische Umsetzung von Projekten wie dem Klimaanpassungsgesetz ist eine solche Struktur unerlässlich. Die Evaluation der Berliner Bürgerbeteiligung bzw. der Räume für Beteiligung aus 2024 weist in eine ähnliche Richtung. Hier wird von dem dringenden Bedarf nach einem Beteiligungs-Praxisleitfaden inkl. Methodenkoffer gesprochen. Eine Handreichung für wiederkehrende Standardfälle, um Verwaltungen zu befähigen, diese Form der kooperativen Stadtentwicklung umzusetzen (Psst Spoiler: Wir arbeiten da gerade an etwas). 

Außerdem liegt ein Schwerpunkt auf physischer Präsenz der Verwaltung vor Ort. Dafür gibt es eine Struktur, aber die bezirklichen Räume für Beteiligung sind kaum bekannt,  weil sie selbst nicht in den Kiezen verankert sind. Anders ist das beispielsweise bei den Quartiersmanagements. Die haben Büros vor Ort, sind Ansprechpartner vor Ort. Die gibt’s jedoch nur in strukturschwachen Gebieten und werden zu sehr großen Teilen 2027 auslaufen. 

Kiezlabor Lastenrad auf der Straße
Das Kiezlabor gibt es seit 2025 auch in der Form eines Lastenrades – so können noch flexibler Beteiligungsformen im Kiez ausprobiert werden.

Eine Möglichkeit Strukturen besser zu verankern – Berlin braucht Kiezlabore vor Ort

Denn wir haben ausreichend Räume im Kiez. Wir haben immer mehr Leerstand in Innenstädten, auch in Berlin. Dort fallen wichtige Orte für Begegnung und sozialen Austausch weg und gleichzeitig tut sich genau hier eine Lücke für ein neues Konzept auf. 

Diese Flächen bieten einen wunderbaren Spielraum. Das Rathaus der Zukunft kann hier in Form von Kiezlaboren sichtbar werden. Die einzelnen Bestandteile dafür gibt es schon. Ein mobiles Bürgeramt, das im Kiez vorbeikommt, ein Raum für niedrigschwellige Partizipation an lokalen Stadtentwicklungsprojekten, temporär auch mal der Umbau in eine Werkstatt. Das Beispiel der Kreisler im Wutzky in Neukölln zeigt, wie ein Reparatur- und Leihladen in der Leerfläche einer Mall funktionieren kann. 

Und noch viel wichtiger: Auch hier braucht es einen prototypischen Ansatz; keinen Masterplan, sondern bedarfsgerechtes Ausprobieren. Sonst ist doch schon fast alles da: Ein paar leerstehende Ladenflächen, ein Baukasten an Formaten und begeisterungsfähige Menschen in jedem Bezirk – mehr braucht es erstmal nicht.

Gemeinsam kann mal vieles besser erreichen – wir freuen uns auf die nächste Saison mit dem Kiezlabor!